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Im Rahmen der Veranstaltungsreihe arcademy brachte Subotron am 13. September 2013 ein Duo nach Wien, das eher die künstlerische Herangehensweise an Spiele in den Vordergrund ihrer Arbeiten stellt: Tale of Tales. In ihrem Talk stellten sie vergangene, gegenwärtige und zukünftige Projekte ihres Studios vor und erklärten ihren Zugang zu Story und Gameplay.

Tale of Tales (@taleoftales) bestehen aus Auriea Harvey (@auriea) und Michaël Samyn (@meneersamyn), die schon seit zehn Jahren in dieser Form zusammenarbeiten. Auch über ihre Geschichte sprachen sie gemeinsam, es kamen dabei sowohl die enge Zusammenarbeit, aber auch Auffassungsunterschiede zum Vorschein. Das Duo führte uns anhand ihrer Spiele durch die Vergangenheit in ihre Zukunft und gab dabei Einblick in ihren Entwicklungsprozess.

Vergangenheit

8

8” war das erste Spiel von Tale of Tales 2002, das es allerdings nie über den Prototypen-Status schaffte. Das Spiel basiert auf der Geschichte von Dornröschen (vielen verschiedenen Versionen), allerdings kommt der Prinz nicht und deshalb schläft die Prinzessin (und mit ihr das Schloss) für 500 Jahre. Der Spieler ist mit einem kleinen Mädchen im Schloss unterwegs. Tale of Tales wollten die Geschichte durch Gameplay und Umgebung kommunizieren und dabei vollkommen auf Text und Gesprochenes verzichten, was nach eigenen Aussagen aber leider nicht gelang. Das Spiel endete viel zu groß und komplex und wäre in der Entwicklung viel zu teuer gewesen.

The endless forest

The endless forest” war das erste veröffentlichte Spiel des Studios. Ein MMO, in dem die Spieler den Wald erkunden können und es ihnen selbst überlassen ist, ob sie sich dazu eine Geschichte vorstellen möchten oder nicht. Es gibt Dinge, Ereignisse, Ruinen zu erkunden, die von Tale of Tales in den Wald gesetzt wurden, aber wiederum ohne Erklärung oder Anleitung. Das Spiel wurde Schritt für Schritt entwickelt (wenn wieder Geld zur Verfügung stand durch etwa Teilnahme an einem Festival o.ä.), ohne es zwingend designen zu müssen. Es ging 2005 online und ist noch immer verfügbar. “The endless forest” verzeichnet 120.000 registrierte Accounts.

Die entscheidende Erkenntnis für das Duo war, dass die Umgebung das erzählende Element sein kann. Ebenso die Erkenntnis und Akzeptanz, dass beide keine Schriftsteller seien.

Graveyard

2008 wurde “Graveyard” entwickelt. In diesem Spiel begleitet man eine alte Dame auf ihrem Gang durch den Friedhof. Es gibt eine kostenfreie Version und eine Version für 5 Dollar, in der die alte Dame sterben kann. Graveyard ist mehr eine Simulation, die keine Geschichte braucht, die Story lebt von der Repräsentation. Tale of Tales wollte mit “Graveyard” auch Kritik üben daran, wie im Medium Spiel mit dem Sterben von Charakteren umgegangen wird (Stichwort: non-permanent death). Nach der Veröffentlichung zeigte sich für Tale of Tales, dass das Spiel für manche Spieler wesentlich mehr Bedeutung hatte, als sie ursprünglich angenommen hätten.

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Path

Path” ist das bisher umfangreichste Spiel des Studios und führte das Duo zurück in die Welt der Märchen. Der Vorteil für die beiden liegt auf der Hand: Die Geschichte ist bereits vorhanden und bestens bekannt.

“Path” basiert auf dem Märchen von Rotkäppchen. Sechs Schwestern stehen zur Auswahl und eine nach der anderen wird vom Spieler auf den Weg zum Haus der Großmutter geschickt. Die Schwestern sind von unterschiedlichem Alter und Charakter und zeigen daher unterschiedliche Verhaltensweisen auf diesem Weg. Das Ziel des Spieles ist zu verlieren. Während des Spieles ist der Spieler widersprüchlichen Regeln ausgesetzt, da das eigentliche Ziel das Erreichen des Hauses der Großmutter ist (ohne vom Weg abzuweichen), aber natürlich auch die Welt erkunden will, zusätzlich mit der Sorge um die Schwester, die er abseits vom Weg führt.

Die Logik von Rotkäppchen wurde somit ins Gameplay übertragen und anstatt das Spiel zu erzählen, lässt man es den Spieler spielen und erfahren.

Fatale

Fatale“, veröffentlicht 2009, basiert auf der Geschichte von Salome in der Version von Oscar Wilde. Der Spieler ist der heilige Johannes schwebend über der Szenerie. Das Spiel setzt ein, als die Geschichte (Salome lässt Johannes enthaupten und den Kopf servieren) schon passiert ist.

Das Duo sagt selbst, dass sie in diesem Spiel “to clever for their own good” gewesen seien. Es ist ein Spiel, über das sie sich auch heute noch nicht einig seien. Für Auriea ist das Spiel kein Erfolg gewesen, für Michaël ist es ein Spiel, bei dem es um Sehen geht, basierend auf einem Gemälde (diente als Inspiration).

Vanitas

Vanitas” ist ein Spiel für mobile Geräte, das eine Holzbox darstellt. In dieser Holzbox werden immer drei Objekte, die bei jedem Öffnen der Box variieren, angezeigt. Die Objekte haben reale Größe und verändern sich auch über die Zeit hinweg. Es gibt keine Geschichte, es geht tatsächlich nur darum eine Box in einem virtuellen mobilen (Luxus-)gerät zu schaffen, um eine gewisse “Realität” zu erzeugen.

Bientôt l’été

Bientôt l’été” ist im Dezember 2012 erschienen und somit das letzte veröffentlichte Spiel von Tale of Tales. Das Spiel spielt auf einer virutellen Raumstation, in der man mit einem männlichen oder weiblichen Avatar an einem virtuellen Strand spazieren geht. Dort spülen die Wellen Phrasen aus den Romanen von Marguerite Duras an, die man dann wiederum zur Unterhaltung mit dem einzigen anderen Avatar im einzigen Gebäude führt – in einem Schachspiel.

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Gegenwart

Das nächste Spiel “Luxuria Superbia” erscheint am 13. November diesen Jahres. Entstanden ist das Spiel aus einem intensiven Forschungsprojekt und stellt eine Verbindung/Cross-over aus Sex und spirituellen Ideen (Kosmos, Universum) dar. Das Duo hebt dabei vor allem die Ähnlichkeiten zwischen Sex (Orgasmus) und Beten (Erleuchtung) hervor. Es ist das erste Spiel von Tale of Tales, das mit einer Score arbeitet. Es kann am Tablet mit bis zu zehn Fingern gespielt werden und hat keine Story, sondern es geht dabei um Erfahrung und Leidenschaft.

Zukunft

Für die nächsten Projekte arbeiten Auriea und Michaël erstmalig an zwei Projekten zur gleichen Zeit, wobei Auriea die Führung bei “The book of 8″ übernimmt und Michaël federführend bei “An empty World” ist. Die beiden treten erstmals auch mehr in einer Director Rolle auf. Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Spielen ist das absolute bewusste Negieren von Geschichte (“An empty world”) und die völlige Hingabe an Story (“The book of 8″).

An empty World

Protagonist ist ein hässliches Entchen, das steuerbar ist und über eine glückliche, post-apokalyptische, aber sehr schöne Welt fliegt. Michaël spricht davon, dass es ein sehr minimalistisches Spiel werden wird.

The book of 8

Es handelt sich dabei um eine Neuaufnahme oder Rückkehr zu den Wurzeln von Tale of Tales, dem Spiel, das nie veröffentlicht wurde. Für dieses Spiel wird erstmals ein Schriftsteller engagiert, der die Geschichte sehr klar erzählen soll nach der Vorstellung von Auriea.

Für die nächsten Projekte will sich das Duo auch an Crowdfunding versuchen und ein wenig mehr hands-off sein, als in den vergangenen Projekten.

Tale of Tales haben wie schon zu Eingangs erwähnt und sicherlich auch an den Projekten erkennbar ist, einen künstlerischen Zugang zu Spielen. Waren sie nach eigener Beschreibung in den letzten Jahren sehr energisch in Diskussionen eingebunden, dass ihre Spiele keine Spiele seien, haben sie jetzt das Gefühl, dass sie ihren Standpunkt nicht mehr so militant verbreiten müssen, da sich diese Diskussion verbreitet hat und sie so auch für andere die Möglichkeit geschaffen haben, sich in diesem “Feld” Gehör zu verschaffen, wie etwa mit dem Notgames Fest.

Mehr Informationen über Tale of Tales und ihre vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Projekte findet ihr unter: www.tale-of-tales.com, Videos findet ihr unter vimeo.com/taleoftales/videos.

Hier haben wir noch den Audio-Mitschnitt des gesamten Vortrages für euch:

Fotos: Jogi Neufeld / Subotron