Subotron arcademy: Games: Ein Kulturgut und seine Bewahrung

Andreas Lange, Direktor des Computerspielemuseums Berlin, kehrt nach acht Jahren im Rahmen der Subotron arcademy wieder zurück nach Wien, um über den aktuellen Stand des Museums, dessen Werdegang und die Schwierigkeit, digitale Medien für die Ewigkeit zu bewahren, zu sprechen.

Alles begann im Februar 1997 – die erste Dauerausstellung im Computerspielemuseum wurde erfolgreich eröffnet. 14 Jahre später folgte die Eröffnung der 2. Dauerausstellung. Die Ausstellungen sind täglich geöffnet und werden täglich von ca. 191 Neugierigen besucht.

Zu Beginn des Museums wurden die ausgestellten Spiele noch in ihrer Originalform und auf der jeweiligen Originalplattform in spielbarer Form präsentiert. Dies ist nun leider nicht mehr möglich. Die Wall of Hardware präsentiert nun einen Überblick auf alle jemals erschienenen Plattformen, während sich dazwischen Spieldinosaurier wie der Nimrod, das allererste Computerspiel (1951), finden lassen. Aber auch die Brown Box kann man im Museum bestaunen, die 1969 das beliebte Spiel Pong auf die Bildschirme brachte. Neben all den Klassikern lassen sich aber auch aktuelle Gustostücke finden, wie die PainStation (2001), bei der man gegeneinander Pong spielt und mit Stromschlägen schmerzhaft daran erinnert wird, dass man besser keine Fehler machen sollte.

Neben der Dauerausstellung finden aber auch immer wieder kleinere Ausstellungen statt, die sich unter anderem mit den Themen Cosplay, GAMOTION oder – ganz aktuell – mit Tomb Raider auseinander setzen.

Die Sammlung besteht hauptsächlich aus Spenden, die an das Museum herangetragen werden. Seit 1996 wurden insgesamt ca. 2000 Originalspiele, 2300 katalogisierte Konsolen, Heimcomputer und Hardware zusammen getragen. Weiters befinden sich auch noch an die 10.000 Fachzeitschriften im Museum, neben allerlei anderen Dingen, wie Merchandise zu den Spielen.

Altersgruppen

Das Alter der Museumsbesucher im Überblick:

  • bis 19: 32,1%
  • 20-29: 43,3%
  • 30-39: 15,7%
  • 40-50: 3,7%
  • 50+: 5,2%

Spiele sind Kulturgut

Ob Spiele nun Kunst sind, oder nicht, wird immer noch heiß diskutiert. Der Deutsche Bundestag ist sich jedoch einig, dass Spiele Kulturgut sind. Ein Beschluss des Parlaments bestätigte dies. Um dieses Kulturgut zu fördern, wurde der Deutsche Preis für Computerspiele ins Leben gerufen, der als eine Art Förderung der Entwickler, wie auch des Standorts fungieren soll und kreative Entwickler mit einer Summe von 300.000 Euro unter die Arme greifen soll.

Nicht nur der Deutsche Bundestag sieht Spiele als Kulturgut, auch der Präsident der Nationalbibliothek in Frankreich stimmte in seiner Deklaration zu, dass Spiele als Kulturgut zählen und die Erhaltung derselben wichtig für die kreative Industrie seien.

Ein Vergleich mit dem Film

Wenn Spiele diskutiert werden, kommt rasch der Vergleich mit dem Medium Film auf. So werden auch an diesem Abend Parallelen gezogen. Beide Medien und deren zeitliche Entwicklungen werden gegenübergestellt und man stellt fest, dass die zeitlichen Abläufe doch recht ähnlich in ihrem Verlauf sind. Von der Erfindung bis hin zu den ersten Vereinigungen und der Erschaffung einer Industrie kann man erkennen, dass beide kreative Medien mit demselben Tempo voran ziehen, was für den Spielebereich die Hoffnung lässt, dass auch die “Kunst”-Frage irgendwann gelöst, oder einfach nicht mehr relevant sein wird.

Archive Weltweit

Nicht nur Deutschland und Frankreich archivieren Videospiele, um deren Verlauf zu dokumentieren und eine Timeline aufzustellen, auch andere Länder folgen diesem Beispiel und haben begonnen, Archive anzulegen. Das National Videogame Archive (2009) zum Beispiel hat sich folgendes zum Ziel gesetzt: “to preserve, analyse and display the products of the global videogame industry by placing games in their historical, social, political and cultural contexts“. Nicht nur die fertigen Spiele sollen dokumentiert werden, sondern auch Prototypen, Sketches, Erwähnungen in den Medien, wie auch Box und Fan Art. Alles, was es über das jeweilige Spiel zu wissen gibt, soll in diesem Archiv dokumentiert und abrufbar gemacht werden.

Auch das BFI (British Film Institute) bemüht sich, die Wahrung von historischen Ereignissen und der Geschichte Englands sowie den Einfluss auf die Gesellschaft zu dokumentieren. Videospiele sind ein Teil dieser Wahrung.

In den USA existiert unter anderem das Videogame Archive im Center of History der University of Texas. “Play it again” ist ein Projekt an der Flinders University in Australien. Weltweit entstehen mehr und mehr digitale Archive, die Videospiele in ihrer Gesamtheit für die Ewigkeit aufbewahren. Dänemark und Frankreich sammeln die Videospiele in ihren Nationalbibliotheken (da dies gesetzlich vorgeschrieben ist).

Nichts hält ewig – das KEEP Project

Ein großes Problem in der Archivierung von Videospielen ist die Halbwertszeit der Originalhardware, auf der die Software programmiert und abgespielt wurde. Ein PC, ob dieser nun genutzt oder nicht genutzt wird, hält an die 40 Jahre. Das bedeutet, dass für viele Spiele kein geeignetes Abspielmedium mehr vorhanden ist. 2030 wird wohl auch der letzte C64 aufhören, zu funktionieren. Emulatoren sollen diesem Problem entgegen wirken. Das KEEP Projekt (Keeping Emulation Environments Portable) hat sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt und eine Virtual Machine entwickelt, in der Emulatoren laufen können, die für Betriebssysteme entwickelt wurden, die ebenfalls nicht mehr existieren. Anstatt alle Emulatoren an gängige Betriebssysteme anzupassen, wird einfach nur die Virtual Machine angepasst, in der alle Emulatoren laufen. So kann ein dauerhaftes Archivieren ermöglicht werden.

Das KEEP Konsortium setzt sich auf folgenden Institutionen zusammen:

  • Bibliothèque nationale de France
  • Joguin SAS
  • Koninklijke Bibliotheek
  • Computerspiele Museum
  • University of Portsmouth
  • Deutsche Nationalbibliothek
  • Tessella
  • Cross Czech a.s.
  • European Games Developer Federation

Marietje Schaake, eine niederländische Politikerin der Partei D66, hebt ebenfalls hervor, wie wichtig es ist, die Entwicklung von Videospielen in der EU zu dokumentieren, da damit auch gleichzeitig die Entwicklung interaktiver Medien dokumentiert wird.

European Federation of Game Archives, Museums and Preservation Projects

Die EFGAMP befindet sich derzeit in Gründung. Mit dabei sind unter anderem folgende Gründungsmitglieder:

  • Subotron
  • Computerspiele Museum
  • Software Preservation Society
  • National Library of Denmark
  • Mo5.com
  • AIOMI
  • DIGAREC
  • KryoFlux
  • National Media Museum
  • National Video Game Archive
  • Software Preservation Society

Das Österreichische Computerspiele-Archiv

Auch in Österreich macht man sich Gedanken, wie man die lokalen Spiele sinnvoll und langhaltend archivieren kann. Simon Wallner und David Schwingenschlögl hatten die Idee zum Archive for Austrian Video Game Development, welches eine Plattform werden soll, die alle österreichischen Spiele, Prototypen und Dokumente sammeln und für jeden zugänglich machen soll. Das Archiv soll zur schnelleren Entwicklung beitragen und jüngeren Entwicklern eine Plattform an Ressourcen liefern. Das Archiv hat sich drei Ziele zur Aufgabe gestellt.

1. Sichtbarkeit

In Österreich kommen regelmäßig Spiele auf den Markt, von denen niemand gehört hat, weil es zu wenig Quellen gibt, um diese Informationen nachzuschlagen. Dies soll mit dem Archiv verändert werden, da die Information von den Nutzern selbst eingetragen werden kann.

2. Aufbau einer Datenbank

Wichtig ist es, nicht nur die aktuellen Titel zu sammeln, sondern ein Archiv anzulegen, das auch noch in 50 Jahren relevant sein wird.

3. Kulturelle Geschichte wahren

Websites verschwinden sehr schnell wieder in der Versenkung, sobald ein Spiel nicht mehr aktuell ist, aber auch Firmen können sehr schnell wieder von der Oberfläche verschwinden oder geschlossen werden. Die Information ist nicht mehr einsehbar und soll deshalb, genauso wie die Spiele, im Archiv gesammelt und aufbewahrt werden.

Lösungsansatz

Das Archiv soll deshalb online zugänglich sein und dort auch wachsen können. Das Archiv soll dabei eher in Englisch gehalten werden, um auch international nutzbar und erweiterbar zu sein. Wunsch ist es, die Sprachhürde nach außen hin so niedrig wie möglich zu halten.

Um möglichst viel Information zu erhalten, soll das Archiv durch die öffentliche Beteiligung mit Inhalt gefüllt werden können. Ein Wiki-ähnliches Editieren der Einträge, die moderiert werden, wird möglich gemacht. Damit soll gewährleistet werden, dass nicht nur große, sondern auch kleinere Projekte und die Prototypen ihren Weg in die Datenbank finden. Schlussendlich soll damit eine Struktur für eine langfristige Archivierung erstellt werden.

Zukunftsvisionen

Ein Überblick über alle aktuellen Projekte und Informationen zu zukünftigen, wie auch vergangenen Projekten soll jedem Besucher ermöglicht werden. Aktuelle Entwicklungen werden transparent und nachvollziehbar gemacht und sollen auch auf internationaler Ebene einsehbar werden.

Gleichzeitig soll auch die kulturelle Identität bewahrt und dokumentiert werden, ähnlich, wie es auch mit dem österreichischen Film gemacht wurde. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den österreichischen Produktionen können so analysiert und festgehalten werden. Gibt es “das österreichische Spiel”? Mithilfe des Archivs lässt sich diese Frage in Zukunft beantworten.

Eine Analyse des Inhaltes, der benutzten Art, der Design Dokumente, etc. kann ebenfalls ermöglicht werden, da alles frei zugänglich gemacht wird. Der Entstehungsprozess verschiedener Spiele lässt sich so leicht einsehen, analysieren und miteinander vergleichen.

Letztendlich soll mit diesem Archiv auch in Österreich Videospiele als Kulturgut etabliert werden, das förder- und unterstützenswert ist, wie es bereits Deutschland und Frankreich vorgemacht haben. Derzeit sind Videospiele immer noch Kultur 2. Klasse – Ziel ist, diese Sicht zu ändern.

Status Quo

Ein Prototyp wurde bereits mit einem Team an der TU entwickelt. Die Webplattform existiert bereits und ist grundsätzlich funktionell. Geplant ist es, mit dieser Plattform in den eingeschränkten Betrieb zu gehen. Dies soll demnächst geschehen.

Der rechtliche Aspekt, sowie die Privatsphäre von Entwicklern ist immer noch ein Thema, das noch geklärt werden muss. Deshalb soll auch Content, der von Usern hinzugefügt wurde, reported werden, um mögliche Probleme zu vermeiden.

Roadmap

  • 2012 Beginn der Auseinandersetzung
  • Herbst 2012 Entwicklung des Prototypen
  • 2013 eingeschränkter Testbetrieb
  • 2015 erweiterter, öffentlicher Betrieb
  • 2018 Einbeziehung von Partnern und die Grundlage für ein längerfristiges Archiv

Newsletter und Mailing Liste sollen über alle Änderungen und Entwicklungen zum Archiv berichten. Simon und David sind aber auch persönlich erreichbar und über jegliches Feedback und Kommentare glücklich.

Das Archiv kann unter gamelab.at erreicht und eingesehen werden.

(Fotos: Jogi Neufeld)

Verfasst von am 21. März 2013. Abgelegt unter Subotron Talks. Du kannst jedem Kommentar zu diesem Artikel folgen durch RSS 2.0. Du kannst kommentieren oder zu diesem Artkel trackbacken

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