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Jaroslav Švelch ist Forscher und Vortragender an der Karls-Universität zu Prag (Sozialwissenschaften) und war Fulbright- Gastforscher im Gamelab GAMBIT des MIT. Er beschäftigt sich mit der Geschichte von Computerspielen und den dahinter liegenden Entwickler Communities, der sozialen Nutzung von digitalen Technologien, online Sprachmanagement und den Konzepten von Ungeheuer und Elend in Spielen.

In seinem Vortrag am 31. Jänner im Rahmen der Subotron arcademy sprach Jaroslav über die Entwicklerszene in der Tschechoslowakei in den 1980iger Jahren, die sich auf Grund der politischen Struktur des Landes wesentlich von der Szene westlicher Länder unterschied.

Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Tschechoslowakei ein kommunistisches Land und Teil des sogenannten Ostblocks bis zur Revolution 1989. Auf Grund dieser politischen Situation hatte das Land keine privaten Unternehmen, keinen Markt, das heißt, dass die Anschaffung eines Computers mit großen Schwierigkeiten und vielen Hürden verbunden war. Wollte man einen Computer, so musste man diesen ins Land schmuggeln oder horrende Summen dafür bezahlen.

Es wird angenommen, dass es 1985 10.000 Heimcomputer in der Tschechoslowakei gab, 1989 100.000. Im Wissens- und Technolgiebereich wird in dieser Zeit von einem Entwicklungsrückstand von rund 5-7 Jahren hinter den westlichen Ländern ausgegangen. Während zur selben Zeit in den westlichen Ländern Atari, Microsoft, Nintendo und andere Firmen die Entwicklung vorantrieben, wurden in der Tschechoslowakei eigene Computer gebaut und verwendet, die in keinem anderen Land zur Anwendung kamen oder zum Verkauf standen, und auch weniger verlässlich oder ausgereift waren. Dies waren der IQ 151 und der PMD. Diese Entwicklung war notwendig, da es Import-Embargos auf die Computer bzw. deren Teile gab, wie auf die meisten Produkte aus dem Westen.

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Neben dem Mangel an Hardware war auch Wissen und Software nicht einfach zu akquirieren. Entwickler, Interessierte und Spieler organisierten sich in Computer Clubs, die alle eine Beziehung mit bzw. Teil von offiziellen Stellen/Organisationen waren, nur so war ein legales Bestehen möglich. In diesen Clubs wurden Wissen, Software und Spiele ausgetauscht, Newsletter herausgegeben mit Instruktionen für Hard- und Software. Die Clubs übernahmen die Rolle von Zugang, Verteilung und Aufbereitung von Wissen und Software.

Alle westlichen Spiele, die ins Land kamen waren Kopien, die auf illegalen Wegen ins Land gelangten. Spiele waren nicht so streng reguliert und kontrolliert wie andere Medien, teilweise auch deshalb, da die Regierung selbst die Bedeutung bzw. Technologie verstand. Ein Spiel brauchte ungefähr 1-2 Wochen, um im ganzen Land verbreitet zu werden. Westliche Spiele waren ein wichtiges Utensil der Entwicklerszene, sie wurden nicht nur gespielt und kopiert, sondern regelrecht seziert und studiert und natürlich auch auf die eigenen Geräte portiert.

Die Spiele, die während dieser Zeit in der Tschechoslowakei entstanden, unterscheiden sich von den Spielen, die zur gleichen Zeit im Westen entwickelt wurden. Spiele wurden anders genutzt: etwa um die Programmierfähigkeiten (Portierfähigkeiten) zu zeigen, mit der Community zu kommunizieren oder auch auf politische Ereignisse zu reagieren.

Den ganzen Vortrag könnt ihr euch gleich hier im Audiomitschnitt anhören: subotron.com/lectures_audio/140131_subotron_svelch.mp3

Fotos: Subotron