Nerd File #1: Brutal austauschbar

Von heute an wird es in regelmäßigen Abständen eine Kolumne von mir geben, in der ich über Dinge aus der Gaming-Welt schreibe, die mich beschäftigen. Wer sich an dieser Stelle fragen sollte, was es mit dem Logo auf sich hat, dem sei erklärt: Es geht hier um meine subjektiven Gedanken – aus Sicht eines Nerds eben. Ich denke hier laut darüber nach und würde mich über rege Diskussionen freuen.

Den Anfang macht aus aktuellem Anlass:

“Brutal austauschbar”

Wie jedes Jahr habe ich auch heuer die Pressekonferenzen der E3 im Live-Stream verfolgt. Doch dieses Mal hinterließen diese bei mir einen sehr faden Beigeschmack; noch nie habe ich einen solchen Trend bemerkt wie in diesem Jahr: Es schien der Grundsatz zu gelten, dass die gezeigten Spiele möglichst brutal sein müssen – mit Ausnahme von Nintendo natürlich. Literweise Pixelblut, Kopfschüsse und abgetrennte Gliedmaßen; das ist anscheinend für die Marketing-Verantwortlichen der Big Player das, womit sie rechnen, am meisten Geld umsetzen zu können. Ein völlig unverständlicher Umstand, wenn man bedenkt, dass man damit eigentlich eine riesige Käuferschicht (Kinder, Jugendliche und deren Eltern) von vornherein ausschließt – von moralischen Gesichtspunkten einmal ganz zu schweigen.

Dazu gesellt sich ein weiterer Trend: Bei der Vorstellung des neuen Splinter Cells dachte ich anfangs, es handelt sich um ein neues Call of Duty oder Medal of Honor. Bei Tomb Raider dachte ich sofort an Uncharted. Und irgendwie sah alles auch ein wenig nach Gears of War aus. Die einzelnen Charaktere sind quasi beliebig zwischen den einzelnen Titeln austauschbar, die Settings sehr ähnlich bis gleich und die Spielmechaniken glänzen nicht gerade durch Einfallsreichtum oder Abwechslung. Dass man Fortsetzungen von bekannten und gut verkauften IPs macht, liegt ja auf der Hand und ist vollkommen nachvollziehbar. Rechnungen müssen wir schließlich alle bezahlen. Aber wo bleiben die “Innovationen”? Ok, das ist wohl schon ein wenig zu viel verlangt. Innovation ist ein großes Wort – genau so wie Revolution. Aber zumindest etwas Anderes oder Neues (Stichwort: Evolution) habe ich bei den Pressekonferenzen schmerzlich vermisst. Halo 4 sieht aus wie Halo 3 (und da lagen bereits 2 andere Halos dazwischen, aber immerhin gibt es eine neue Gegner-Art…), New Super Mario Bros. U und 2 glänzten auch nicht gerade mit Neuem und Call of Duty: Black Ops 2 erinnert (trotz leichtem futuristischen Setting) irgendwie an den Serien-Erstling. Komisch ist für mich bezüglich Shooter ja auch, dass ich sie selbst zwar gerne spiele und auch die Call of Duties und Gears of Wars da draußen zu meiner Sammlung zähle, doch selbst mir reicht es ehrlich gesagt schön langsam, im Jahrestakt einen neuen Ableger zu kaufen und dann eh wieder quasi das selbe vorgesetzt zu bekommen wie im Jahr zuvor. Immer öfter kommt es vor, dass ich 60-70 Euro für einen solchen Titel ausgebe und ihn dann nicht einmal fertig spiele; Cash-Cow gemolken, Spieler unzufrieden.

Doch warum ist das so? Warum entscheiden sich die PR- und Marketing-Agenturen der Großen dafür, die immer gleichen Spiel-Serien zu präsentieren anstatt etwas Neues zu zeigen [Anmerkung: Ich beziehe mich hier nur auf die Pressekonferenzen; auf dem Showfloor gab es immerhin den ein oder anderen spielerischen Lichtblick] und damit auch den Spielern (respektive Käufern) die Botschaft zu vermitteln, dass man sich für sie etwas einfallen lässt? Denn die meisten Zocker (davon gehe ich jetzt einfach einmal aus) wissen ohnehin, dass die gut laufenden Serien Nachfolger spendiert bekommen – auch nach einer eigentlich abgeschlossenen Trilogie et cetera. Die Cash-Cows können anscheinend gar nicht genug gemolken werden.

Das wirft allerdings die Frage danach auf, warum sich diese Serien nach wie vor so gut verkaufen – und dies wohl auch noch einige Zeit lang werden. Ist der durchschnittliche Gamer da draußen wirklich so anspruchslos? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ist er aber vielleicht einfach nicht wagemutig genug, um neue IPs oder innovative Spiele zu kaufen? Auch das kann ich mir nicht so recht vorstellen. Aber warum sind die “Gears of Duties” dann immer wieder aufs neue Millionen-Seller? Einerseits liegt es bestimmt an den Marken an sich und den damit verbundenen Werten wie “Spaß”, “hohe Qualität” oder “Coolness”. Dazu kommt aber auch noch, so meine ich zumindest, eine riesige Marketing-Maschinerie, die genau solche Werte zu vermitteln vermag. Wenn ich hier an die ganzen “kleinen” Spiele denke, die sich derzeit in Entwicklung befinden und deren Macher sich trauen, etwas Neues zu probieren, wird mir direkt ein wenig wehmütig. Das Problem ist nämlich, dass kleinere Entwickler einfach nicht über derartige Marketing-Summen verfügen. Und da liegt der Hund begraben: Die “kleinen” Spiele sind oft viel interessanter als die großen IPs, gehen aber einfach ein wenig unter, weil sie niemals die (mediale) Aufmerksamkeit bekommen, die die großen IPs alleine schon aufgrund der bekannten Namen sozusagen zu Füßen gelegt bekommen. Zum Glück gibt es hier Ansätze wie das Humble Bundle oder auch Seiten und Magazine, die sich der Indie-Szene und/oder genau diesen “kleinen” Titeln verschrieben haben.

Irgendwie komme ich bei dieser Thematik auf keinen grünen Zweig – geschweige denn auf eindeutige Antworten. An dieser Stelle würde mich deshalb ehrlich gesagt interessieren, wie das andere sehen. Also: Was meint ihr?

Verfasst von am 11. Juni 2012. Abgelegt unter nerd files. Du kannst jedem Kommentar zu diesem Artikel folgen durch RSS 2.0. Du kannst kommentieren oder zu diesem Artkel trackbacken

6 Antworten zu Nerd File #1: Brutal austauschbar

  1. videogametourism.at

    dein unbehagen an der e3 teilen heuer wirklich die meisten beobachter. ich denke, dass hier einfach mit immensem marketingaufwand auf möglichst kleines risiko gespielt wird – deshalb ähneln sich alle blockbuster immer mehr, werden immer brutaler und reißerischer und richten sich paradoxerweise trotz erwachsenenrating und erwachsenenpublikum an infantile, pubertäre jungs, die ja auch etwa im kino bereit sind, für transformers 7 fantasieticketpreise in kauf zu nehmen.
    meiner meinung nach zeigt die e3 trotz des millionenaufwands und der angepeilten verkaufszahlen aber nur einen kurzsichtigen, fast verkrüppelten blick auf das, was games heute sein könn(t)en. wie du anmerkst, finden sich dank indie-bundles und online-berichterstattung bzw online-vertrieb immer mehr nischen, in denen interessantes gedeiht – vllt nicht im COD-niveau, aber genug, um ein wachsen und erwachsenwerden des mediums zu ermöglichen – auch wenns angesichts der aktuellen e3 mit ihrem abfeiern von killshots und fortsetzungen des ewig selben grad nicht so aussieht.

    was dagegen hilft: nicht jedem PR-stunt der majors nachberichten, nicht jede pseudo-news der PR-kanonen nachbeten, die preview-orgien weglassen und den lesern zeigen, dass es abseits der megaseller auch noch was gibt. dann erledigt sich der stuß quasi von selbst – und ein haufen von anwälten und PR-heinis müssen sich andere jobs suchen, während ihre gehälter hoffentlich wieder den entwicklern zugutekommen.
    nette kolumne!

  2. Hi !

    Den Artikel finde ich auch recht gut.
    Und ja ich stimme zu, dass die im Mittelpunkt der E3 Berichterstattung gestanden Spiele extrem ausweichselbar und vor allem spielerisch unglaublich reduziert wirken. Es wirkt alles wie ein gescripteter Actionfilm bei dem man ab und zu auch noch mal den Controller betätigen kann.
    Noch dazu wird bei der Gewaltdarstellung natürlich auch immer wieder ein Häppchen draufgelegt und man fragt sich schön langsam: Wo ist das Ende der Fahnenstange ?

    Eine klitzekleine Kritik muss ich aber doch anbringen:
    Weshalb geht ihr noch immer dem PR Trick von Nintendo auf dem Leim, dass sie keine Gewaltspiele in ihrem Portfolio aufweisen.

    U Zombie anyone ?

    :)

    Herzliche Grüße
    RFK

  3. Die Rate der Gewaltspiele bei Nintendo ist relativ gering im Vergleich zu ihren Mitbewerbern Sony und Microsoft. Natürlich gab es damals auch Manhunt 2 auf der Wii, aber der primäre Fokus liegt auf familientauglichen Spielen. Mit der neuen Konsole wollen sie ja wieder stärker “Hardcore”-Spieler ansprechen, da sind Titel wie U Zombie notwendig. Die Frage ist, ob sie den Fokus auch wirklich vermehrt auf Hardcore-Spiele setzen und ob die Konsole selbst da mithalten kann, oder ob die meisten Spiele nicht doch wieder im Casual und/oder Familien-Bereich liegen werden.

  4. Christian aka humaldo

    Gute Kolumne!

    @Gewalt: Langweilig! Ich gebe zu, damals als Teenager bei Mortal Kombat 2 die verrücktesten und brutalsten Moves zu machen hatte seinen Reiz. Auch die völlig überzogenen, im Setting der griechischen Mythologie angesiedelten God Of War Teile rechtfertigen teilweise noch die extrem überzogenen Gewalttaten von Kratos, dem vermutlich größten Badass aller Zeiten (GÖTTER TÖTEN!!).

    Aber bei The Last Of Us Schädel von menschlichen, lebenden, und normal agierenden Gegnern (= keine Zombies, keine Aliens, keine Sagengestalten, keine Comicfiguren) mehrmals auf die Tischkante zu donnern und ihnen mit dem großkalibrigen Gewehr in den Kopf zu schießen (vor den Augen eines kleinen Mädchens), finde ich abstoßend und völlig uninteressant. Mich hat schon die Uncharted Serie unendlich gelangweilt, wenn ich hunderte, wenn nicht tausende Menschen (= keine Zombies, keine Aliens, Keine Sagengestalten, keine Comicfiguren) ganz nebenbei im schieren Sekundentakt abknallen musste. Langweilig! Das war auch der Grund, warum ich bei der E3 Präsentation schlagartig das Interesse an dem neuen Tomb Raider verloren habe, das im Prinzip wie ein Uncharted – Female Edition gewirkt hat.

    @Nintendo PK: Diese wirkte auf mich eh fast so, als wäre Nintendo ZombiU etwas unangenehm, aber sie mussten halt auch diese Art von Titel zeigen, um zumindest ein bisschen den Hardcorler raushängen zu lassen :)

  5. danke, danke! :)

    @videogametourism: das ist halt irgendwie ein teufelskreis. beinahe alle magazine (im print-bereich sowieso) sind auf die inserate ihrer kunden angewiesen, ohne die sich so ein magazin niemals rechnen würde. und natürlich sind es genau die großen, die sich inserate auch leisten können. die frage ist da also: kann sich da überhaupt etwas ändern?

    zum thema nintendo und zombieU: vom spiel hat man ja noch gar nichts gesehen. wer weiß, ob das wirklich so brutal wird oder nicht doch ein “niedlich-zombie-slasher” oder sowas!? ;)

  6. Christian aka humaldo

    Das wird jetzt schon offtopic, aber dieser Artikel hat mich gerade etwas ZombiU gehyped: http://www.eurogamer.net/articles/2012-06-12-zombiu-preview-wii-us-surprise-package

    Könnte ja echt ein wirklich frischer und einmaliger Approach ans Zombie-Horror Genre sein!

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