Enter the Grid – Mit “Legend of Grimrock” auf Zeitreise

Das Legend of Grimrock Logo (Quelle: www.grimrock.net)

When we were young

Das Zimmer ist abgedunkelt und das Telefon abgesteckt. Drei Gesichter werden vom regelmäßigen Flackern eines mittelgroßen Röhrenmonitors beleuchtet. Ein Stapel von Disketten wird stückweise abgearbeitet. Eine nach der anderen wird ins Laufwerk A: geschoben und mit jeder weiteren steigt die Spannung im Raum merklich an. Noch ist die Chance auf eine defekte Disk groß. Ein einziger unlesbarer Sektor würde ein jehes Ende für dieses Wochenendabenteuer bedeuten. Es ist 1995 und vor ein paar Tagen hatte man sich mit dem angesparten Taschengeld die Eye of the Beholder Trilogie geholt.

Ein entspanntes Aufatmen geht durch die Runde als die letzte Diskette erfolgreich gelesen wird. Die Installation ist geglückt. Dank penibler Vorbereitung sind keine autoexec.bat oder config.sys Experimente mehr notwendig. Das Spiel startet sofort. Gebannt folgt die Gruppe einer sensationellen Introsequenz, von der sie noch Jahrzehnte später schwärmen werden:

Auch wenn schon in den 80ern die Pioniere des Genres Geschichte schrieben, so waren doch die 90er unangefochten die goldenen Jahre für RPGs. Epische Spielereihen wie Lands of Lore, Ultima, Wizardry und Eye of the Beholder entführten den Spieler in liebevoll designte, mystische Welten und gelten heute noch als Referenzen. Leider regiert kein König ewig und so mussten im letzten Drittel des Jahrzehnts nicht nur die Jungs von Take That erkennen, dass sich der Zeitgeist im Wandel befand. Das Rundenbasierte wurde vom Actionlastigen verdrängt und die Charakterentwicklung wich einer Simplifizierung. Das Genre des Dungeon Crawlers begab sich für die nächsten 20 Jahre in einen Winterschlaf (und Take That lösten sich auf).

Fast zu schön um wahr zu sein klang daher die Nachricht, dass sich vier ambitionierte Finnen Anfang 2011 aufmachten, um dem klassischen RPG ein Comeback à la Robbie Williams zu ermöglichen (ok, keine Boygroup Analogien mehr ab jetzt, versprochen). Gemeinsam gründeten sie die Indie Spieleschmiede Almost Human und starteten mit ihrem ersten Projekt: Legend of Grimrock. Das Ziel war dabei die Entwicklung eines klassischen, gridbasierten Dungeon-Crawler-RPGs in modernem Grafik-Gewand.

Almost Human almost at work ;o) (Quelle: www.grimrock.net)

Relight my fire

Mit Legend of Grimrock schufen die Finnen ein Spiel nach ihren Vorstellungen: Im Vordergrund stehen neben dem Erkunden von Dungeons auch Puzzles, Geheimnisse, Nahkampf und Magie sowie klassische Rollenspielelemente. Der Spieler steuert dabei vier Helden gleichzeitig durch verwinkelte Gänge, welche zum Glück im Standardschwierigkeitsgrad automatisch kartographiert werden. Dieser Umstand lässt sich übrigens mit dem Oldschool Modus deaktivieren. Dann ist händisches Mitzeichnen auf kariertem Papier angesagt, um sich nicht schon nach wenigen Minuten zu verirren. Zum Glück liegt dem Game auch eine Vorlage zum Ausdrucken bei.

Zu Beginn des Spiels stellt der Spieler eine vierköpfige Party zusammen. Es darf aus vier verschiedenen Rassen gewählt werden: Mensch (für Langweiler), Minotaur, Lizardman und die bizarren Insektoiden. Bei der anschließenden Klassenwahl wagt Legend of Grimrock keine Experimente und beschränkt sich auf die altbewährten Archetypen: Kämpfer, Magier und Dieb.

"Einmal Minotaur zum Mitnehmen bitte" – Character Generation (Quelle: Handbuch)

Ist die Party zusammengestellt, geht’s auch gleich los. Gesteuert werden alle Charaktere dabei gleichzeitig. Diese bewegen sich in einer 2×2 Formation, woraus sich sofort eine strategische Milchmädchenrechnung ergibt: Haudrauf-Typen nach vorn, Weicheier in die zweite Reihe. In dieser, auch in der realen Welt immer wieder vorkommenden natürlichen Personenanordnung, wird die Gruppe auf einem Raster bewegt. Eine klassische WASD Steuerung bewegt den Mob in die vier Himmelsrichtungen, Q und E drehen sie jeweils um 90° in eine Richtung.

Im unteren rechten Bildschirmwinkel werden die einzelnen Portraits unserer Partymitglieder und ihr Gesundheitszustand angezeigt. Die Anordnung lässt sich durch Drag & Drop jederzeit ändern. Die Portraits zeigen auch an, was die Charaktere aktuell zur Hand haben. Ein Rechtsklick darauf aktiviert entweder einen Angriff mit der angelegten Waffe oder öffnet das Zauberbuch. Das Inventar erreicht man entweder mit einem Klick auf das Portrait oder dem Drücken der Nummerntasten 1 bis 4 für den Schnellzugriff. Dort lassen sich die Charakterstatistiken sowie die Ausrüstung einsehen. Nicht besonders überraschend: Nicht jeder Charakter kann alles verwenden und anziehen. Klug eingesetzter Sammeltrieb bringt den entscheidenden Vorteil.

Garstige Pilzwesen, sogenannte "Herders", haben unsere Gruppe zu dreiviertel ausgelöscht. (Quelle: www.grimrock.net)

Could it be magic

Besonders interessant ist das Magiesystem. Jeder Zauberspruch wird als Kombination bestimmter Runen dargestellt. Insgesamt gibt es neun Runenarten: Feuer, Leben, Luft, Spiritualität, Balance, Physikalität, Erde, Eis und Tod. Die Kombinationsmöglichkeiten findet man im Laufe des Spiels in Form von Schriftrollen, allerdings gibt es für jeden Spruch eine Skillvoraussetzung.

Apropos “Tod”: Dieser ist ein ständiger Begleiter im Grimrock, denn ein umfassendes Bestiarum sorgt für ständige Bedrohung. Von gigantischen Schnecken, über untote Skelettsoldaten bis hin zu den mysteriösen Uggardians, schwer bewaffneten Feuerwesen, will unseren Helden so ziemlich alles ans Leder, was sich fortbewegen kann. Schon kleinste Fehler werden vom Spiel mitunter umgehend bestraft. An dieser Stelle sei das häufige Speichern über das Menü dringend empfohlen, denn QuickSave Funktion gibt es keine. Stirbt ein Charakter, muss aber trotzdem nicht sofort neu geladen werden. Es gibt durchaus eine Möglichkeit, die Dahingeschiedenen wieder in die Welt der Lebenden zu holen.

Die Welt ist unfair: Ein Falltürpuzzle – Die beflügelten "Crowerns" kümmert das wenig. (Quelle: www.grimrock.net)

How did it come to this?

Die Hintergrundgeschichte ist schnell erklärt: Der titelgebende Grimrock ist ein Berg inmitten der “nördlichen Reiche”. Der Wandertourismus bleibt aber größtenteils aus, denn der Gipfel des Berges kann nur mit Luftschiffen erreicht werden. Das nächstgelegene Dorf, Threalm, wird nur von einer Handvoll Minenarbeitern bewohnt und ist damit auch nicht die große Touristenattraktion. Es verwundert nicht weiter, dass unsere Heldengruppe gar nicht freiwillig an diesen Ort gereist ist.

Jedes Jahr werden nämlich die stärksten Männer und Frauen aus den Gefängnissen des Königreichs zusammengesucht und zum Mount Grimrock verfrachtet. Dort erhalten sie eine letzte Chance sich zu beweisen und ihre Freiheit zu erkämpfen. Durch königlichen Erlass wird jeder, der die Expedition durch den Grimrock überlebt, begnadigt und steigt als freier Mann bzw. freie Frau aus den uralten Gewölben. Dies geschieht aber natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe. Tatsächlich ist es so, dass der König einfach keine Soldaten aufbringen kann, die mutig genug wären, freiwillig die Geheimnisse des Bergs zu erkunden.

Wenig ehrenvoll beginnt unser Gefangengrüppchen das Abenteuer (Quelle: Preorder Goodies)

Hold up a light

Wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts. Unter diesem Motto haben sich Almost Human daran gemacht, ein für tot erklärtes (oder zumindest kaum noch Massenmedien taugliches) Genre wieder neu zu beleben. Zumindest auf den ersten Blick ist ihnen das bis jetzt auch gelungen! Auf Metacritic hat Legend of Grimrock eine mehr als respektable 83% Wertung. Ob damit aber ein neuer Mainstream-Trend zu Dungeon Crawlern losgetreten wird, muss sich erst noch zeigen.

Wir jedenfalls verdunkeln heute Abend wieder unsere Zimmer, schalten die Mobiltelefone auf “lautlos” und starren gebannt auf unsere LCD Schirme. Die Spannung steigt, während die Fortschrittsanzeige des Downloads auf die 100% zumarschiert. Zumindest bis jetzt sieht es nämlich danach aus, als stehe uns mit Legend of Grimrock wieder ein Titel ins Haus, von dem wir in 20 Jahren YouTube Videos austauschen und in Nostalgie schwelgen werden. Eine absolute Empfehlung sei hiermit ausgesprochen!

Das komplette Assemble von Almost Human (Quelle: Preorder Goodies)

Back for good

Legend of Grimrock erscheint heute, 11. April 2012, im Laufe des Tages für Windows (PC) und kann direkt auf der Entwicklerseite gekauft werden. Alternativ ist auch ein Kauf bei GoG möglich. Selbstverständlich darf auch Steam auf der Liste der Vertreiber nicht fehlen.

Kleiner Tipp: Wer auf der Webseite kauft, bekommt einen Steam Key dazu.

PS: Trotz zahlreicher Take That Referenzen fühlt sich der Autor dazu genötigt, festzuhalten, dass er kein Take That Fan war, ist und niemals sein wird. Jeder weiß, dass New Kids on the Block immer die Größten bleiben werden.

Digg Digg
Verfasst von am 11. April 2012. Abgelegt unter Games. Du kannst jedem Kommentar zu diesem Artikel folgen durch RSS 2.0. Du kannst kommentieren oder zu diesem Artkel trackbacken

3 Antworten zu Enter the Grid – Mit “Legend of Grimrock” auf Zeitreise

  1. Pingback: Article: Legend of Grimrock (German) « urban escapism

  2. Cooles Review, hat mir direkt Lust gemacht das Spiel zu kaufen und dank des Hinweises vom Steam Key auf der Entwicklerseite werde ich das heute Abend gleich tun. thx

  3. Wer es bis jetzt nicht gekauft hat, versäumt echt was. Das Game ist extrem spassig. Zwar hats den einen oder anderen Bug, aber nichts blockierendes oder garstig störendes, ganz und gar nicht. Old School Freunde, schlagt zu!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>